Galerie Ma/rie/mix 23

Micha Brendel

alpha*beten Verschriftungen

Schrift, insbesondere die Handschrift, verliert zunehmend an Gebrauch und Bedeutung im gesellschaftlichen und privaten Leben des 21. Jahrhunderts.
Der seit 15 Jahren im Land Brandenburg lebende und arbeitende Künstler Micha Brendel unternimmt den Versuch, die Faszination des Kosmos` Schrift zu erinnern, zu beleben und zeitgemäß bildkünstlerisch zu durchdringen. Aber entgegen dem Kanon, mit Schrift versprachlichte Gedanken zu codieren, liegen die Akzente seiner Arbeiten auf der bildhaften Präsenz von Schriftzügen, erfundenen Buchstaben, Zeichen, Schreibrhythmen, Kürzeln, Flecken und Färbungen.
Sein Ausstellungskonzept besteht darin, diese seriellen Arbeiten, genannt Verschriftungen, an den Orten der ursprünglichen Herstellung und Kultivierung von Schrift, den (ehemaligen) Klöstern im deutschsprachigen Raum, zu präsentieren. Genau hier, in den ehemaligen scriptorien, kann der Besucher heute die Schnittpunkte der mittelalterlichen Kultur des Schreibens und Kopierens und Brendels künstlerisch verdichteter Schriftbelebung schauen und empfinden.

Schreibmaschine, Ruß, Wachs, Aquarell, auf Papier, © VG BildKunst, Micha Brendel

Die Schriftarbeiten Micha Brendels haben mit üblichen kalligrafischen, historisierenden Schönschreibübungen wenig gemein. Die direkte, buchstäbliche Lesbarkeit von Inhalten wird aufgegeben, zugunsten einer vielgestaltigen, überlagerten Bildsprache. Geschickt wird der Betrachter auf die Fährte des Lesen-und-Verstehen-wollens geführt, um dann, zunächst irritiert, die erweiterte Welt vom Schreiben zu Schriftbildern wahrzunehmen.


Tinten, Tusche, Kaffee, Kopie, auf Papier, © VG BildKunst, Micha Brendel

Die verwendeten Schreibflüssigkeiten, Untergründe und Schreibgeräte knüpfen an historische an, aber auch Schreibmaschinen und Drucker kommen zu Einsatz. Selbst hergestellte Tinten, Wachse, Harze, Öle und andere ungewöhnliche Materialien wie Rost, Blut, Ei und Ruß sowie analoge fotochemische Prozeduren rücken den Prozess des „Verschriftens“ in die Nähe alchemistischer Verfahren.
Die Bildtitel, die wenig erklären und viel verrätseln, bilden eine weitere Ebene der Auseinandersetzung. Die Wort- und Sprachspiele entlehnen sich aus dem Schriftverkehr, der Sprache und Kommunikation und verweisen auf sprachliche Viel- und Uneindeutigkeiten, stellen die kanonisierte Beschreibwelt auf den Kopf, schaffen Raum für ironische Kommentare.
Und sie geben Anreiz, der Verflechtung von Sprache, Schrift und Bild nachzuspüren. Das Ausstellungsprojekt – zuletzt im Paulikloster zu Brandenburg an der Havel zusehen – lässt ein resignierendes Bedauern über das Verdämmern der Schrift nicht zu, sondern öffnet den Blick auf die historischen Dimensionen und entwirft ein künstlerisches Spielfeld, auf dem Schrift ihre fassettenreiche Faszination entfalten kann.

Tinten, Kopie, auf Papier, © VG BildKunst, Micha Brendel

Es ist ein umfangreicher Katalog im Lukas Verlag Berlin erschienen. Mit Beiträgen von Klaus Michael, Herbert Schirmer und Jörg Sperling.


Eröffnung
Freitag, 31.05.2024, 20 Uhr, Künstler ist anwesend

Öffnungszeiten
Mi 17 – 20 Uhr
NEU Do + Fr 19 – 22 Uhr
Sa nach tel. Vereinbarung (0162/7723232)

Ort
MA/RIE/MIX 23
Marienstr. 23
03046 Cottbus
Tel 0355 / 620 23 253
galeriehaus23@arcor.de
www.galerie-haus23.de